Wann häusliche Palliativpflege die richtige Entscheidung ist

Palliativpflege bedeutet nicht, aufzugeben. Sie bedeutet, aktiv zu entscheiden, dass Lebensqualität jetzt wichtiger ist als weitere Behandlungsversuche, die mehr belasten als nützen. Diese Unterscheidung ist nicht nur medizinisch bedeutsam, sie ist auch emotional entscheidend. Viele Angehörige tragen das Gefühl mit sich, dass der Übergang zur Palliativpflege ein Versagen darstellt. Das Gegenteil ist wahr: Es ist eine der mutigsten und liebevollsten Entscheidungen, die eine Familie treffen kann. Die Frage ist nicht mehr, ob eine Erkrankung heilbar ist, sondern wie der verbleibende Lebensweg so gestaltet werden kann, dass er dem entspricht, was dem erkrankten Menschen wirklich wichtig ist.

Die britische Ärztin Cicely Saunders, Gründerin der modernen Hospizbewegung, prägte dafür den Begriff „Total Pain“. Schmerz, so ihre Erkenntnis, ist niemals nur körperlich. Er umfasst immer auch emotionale Not, soziale Verluste und spirituelle Fragen. Wer sich fragt, warum ein Sterbender trotz guter Schmerzmedikation noch leidet, findet in diesem Konzept eine Antwort: Weil Schmerz viele Gesichter hat. Palliativpflege, die wirklich gut ist, adressiert alle diese Dimensionen gleichzeitig. Sie braucht deshalb nicht nur Ärzte und Pflegefachkräfte, sondern auch Seelsorger, Psychologen und Menschen, die einfach zuhören.

Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass Palliativversorgung erst in den letzten Tagen beginnt. Aktuelle Forschung zeigt das Gegenteil. Das Konzept des Early Palliative Care, also der frühzeitigen Integration palliativer Unterstützung parallel zu einer noch laufenden Behandlung, verbessert nachweislich die Lebensqualität und kann sogar dazu beitragen, dass Menschen länger in einem guten Zustand bleiben. Warten Sie also nicht, bis alle anderen Optionen ausgeschöpft sind. Je früher ein Palliativteam einbezogen wird, desto besser kann es helfen.

Medizinische Kriterien und typische Erkrankungen

Häusliche Palliativpflege ist grundsätzlich dann möglich, wenn Symptome im häuslichen Umfeld kontrollierbar sind und eine stabile Grundsituation besteht, die ambulante Versorgung erlaubt. Am häufigsten betrifft sie Menschen mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen, bei denen Symptomkontrolle das primäre Ziel ist. Aber Palliativpflege ist keineswegs nur für Krebspatienten. Menschen mit schwerer Herzinsuffizienz, COPD, ALS, Parkinson, Demenz oder chronischem Nierenversagen haben dieselben Bedürfnisse nach würdevoller Begleitung, auch wenn ihre Verläufe sich stark unterscheiden.

Herzinsuffizienz zum Beispiel verläuft oft in Schüben mit plötzlichen Verschlechterungen und scheinbaren Erholungsphasen. Das macht die Prognose schwer einschätzbar und erschwert die Planung. Demenz hingegen entwickelt sich langsam über Jahre, mit zunehmenden Kommunikationsproblemen und einem wachsenden Bedarf an körperlicher Pflege. ALS schreitet progredient fort und erfordert frühzeitig den Einsatz von Kommunikationshilfsmitteln. Diese Unterschiede sind wichtig, weil sie bestimmen, welche Art von Unterstützung wann gebraucht wird. Sprechen Sie mit dem behandelnden Arzt und einem Palliativteam darüber, welche Besonderheiten die Erkrankung Ihres Angehörigen mit sich bringt.

Die Entscheidung zwischen häuslicher Palliativpflege und einem stationären Hospiz hängt von mehreren Faktoren ab. Der ausdrückliche Wunsch des Patienten steht dabei an erster Stelle. Daneben spielen die räumlichen Gegebenheiten zuhause, die Belastbarkeit der pflegenden Angehörigen und die Kontrollierbarkeit der Symptome eine wichtige Rolle. Ein stationäres Hospiz ist sinnvoller, wenn Symptome eine intensive medizinische Überwachung erfordern oder wenn pflegende Angehörige schlicht nicht in der Lage sind, diese Aufgabe zu tragen. Beides ist keine Frage des Versagens, sondern der ehrlichen Einschätzung dessen, was möglich und zumutbar ist. Flexible Übergänge zwischen beiden Versorgungsformen sind möglich und manchmal sogar der beste Weg.

Patientenverfügung und Advance Care Planning

Eine Patientenverfügung hält fest, welche medizinischen Maßnahmen der Patient wünscht oder ablehnt, wenn er sich nicht mehr selbst äußern kann. Sie ist rechtlich bindend, wenn sie schriftlich vorliegt, unterschrieben ist und konkrete Situationen beschreibt. Doch eine Patientenverfügung allein ist nicht genug. Das Konzept des Advance Care Planning geht weiter: Es umfasst strukturierte Gespräche zwischen Patient, Angehörigen und dem behandelnden Team, die weit vor einer Krisensituation stattfinden sollten. Dabei geht es nicht nur darum, Formulare auszufüllen, sondern darum, wirklich zu verstehen, was dem erkrankten Menschen wichtig ist.

Ein praktisches Instrument ist der sogenannte Notfallbogen, der im Ernstfall für den Rettungsdienst sichtbar bereitliegt und klare Anweisungen enthält, etwa zur Frage der Reanimation. Solche Dokumente verhindern, dass im Notfall Entscheidungen getroffen werden, die dem Willen des Patienten widersprechen. Wenn Sie diese Gespräche noch nicht geführt haben, ist jetzt ein guter Zeitpunkt. Palliativteams und spezialisierte Gesprächsbegleiter können dabei unterstützen.

Wenn in Ihrer Region kein SAPV-Team verfügbar ist, bedeutet das nicht, dass Sie allein sind. Hausarzt und ambulanter Pflegedienst können gemeinsam viel leisten. Nutzen Sie den DHPV-Wegweiser Hospiz und Palliativversorgung, um Angebote in Ihrer Nähe zu finden. Pflegestützpunkte und kommunale Beratungsstellen helfen Ihnen, das Mögliche zu organisieren. Und: Telemedizinische Konsultationen können in manchen Situationen eine echte Brücke sein, wenn spezialisierte Fachkräfte nicht vor Ort sind.

Das spezialisierte Versorgungsnetz: SAPV, Hausarzt und Pflegedienst

Häusliche Palliativversorgung in Deutschland ist auf zwei Ebenen organisiert. Die Allgemeine Ambulante Palliativversorgung (AAPV) wird vom Hausarzt und einem regulären Pflegedienst geleistet und deckt die Grundversorgung ab: Schmerzmedikamente, Hilfsmittel, regelmäßige Besuche. Wenn der Zustand komplexer wird, Symptome schwerer zu kontrollieren sind oder rund um die Uhr Erreichbarkeit gebraucht wird, kommt die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) ins Spiel. SAPV ist eine Kassenleistung nach § 37b SGB V, auf die Patienten mit besonders belastenden Krankheitsverläufen einen gesetzlichen Anspruch haben. Die Verordnung erfolgt durch den Haus- oder Krankenhausarzt, die Genehmigung durch die Krankenkasse.

Ein SAPV-Team besteht aus palliativmedizinisch erfahrenen Ärzten und spezialisierten Pflegefachkräften, oft ergänzt durch Sozialarbeiter, Psychologen und Seelsorger. Es ist rund um die Uhr erreichbar, was für viele Familien der entscheidende Unterschied ist. Wenn nachts Schmerzen auftreten oder eine akute Atemnot einsetzt, ist das Team ansprechbar. Das gibt Angehörigen eine Sicherheit, die kaum zu überschätzen ist. Die Koordination zwischen Hausarzt, SAPV-Team, Pflegedienst und Hospizdienst ist dabei keine Selbstverständlichkeit. Fragen Sie aktiv, wer in Ihrem Fall die Gesamtkoordination übernimmt, und bestehen Sie auf klaren Zuständigkeiten.

Hier ist ein weiterer Gedanke, der oft übersehen wird: Sie als Angehörige sind nicht nur Pflegende, Sie sind auch Informationsträger. Sie kennen den Menschen hinter der Diagnose. Sie wissen, was ihn früher zum Lachen gebracht hat, was ihm Angst macht, welche Musik er liebt, wie er über seinen Glauben denkt. Dieses Wissen ist für das Palliativteam von unschätzbarem Wert. In der Narrativen Medizin spricht man davon, dass die Lebensgeschichte eines Menschen ein zentrales Instrument guter Versorgung ist. Bringen Sie diese Geschichte ein, aktiv und selbstbewusst.

Nachtpflege und Entlastung

Die Nacht ist für pflegende Angehörige oft die härteste Zeit. Schmerzen, Unruhe, Atemnot, das Aufwachen auf jeden Laut, der Schlafentzug über Wochen. Diese Belastung wird systematisch unterschätzt. Ambulante Nachtpflegedienste können hier konkret helfen, auch wenn ihre Verfügbarkeit regional sehr unterschiedlich ist. Ehrenamtliche Nachtwachen durch Hospizdienste sind eine weitere Option, die viele Familien nicht kennen. Informieren Sie sich frühzeitig, ob ein Hospizdienst in Ihrer Nähe dieses Angebot macht.

Wenn kein SAPV-Team in Ihrer Region verfügbar ist, gibt es Alternativen. Eine erweiterte AAPV mit engmaschiger hausärztlicher Betreuung und einem gut aufgestellten Pflegedienst kann viel abdecken. Telemedizinische Videokonsultationen mit palliativmedizinisch erfahrenen Ärzten werden zunehmend angeboten und können gerade in ländlichen Gebieten eine wichtige Ergänzung sein. Digitale Schmerztagebücher helfen dabei, Symptomverläufe zu dokumentieren und dem Behandlungsteam geordnete Informationen zu liefern. Nutzen Sie den DHPV-Wegweiser unter wegweiser-hospiz-palliativmedizin.de, um Angebote in Ihrer Nähe zu finden.

Denken Sie daran: Ein guter ambulanter Pflegedienst ist mehr als eine helfende Hand. Achten Sie bei der Auswahl darauf, ob Pflegefachkräfte eine palliative Zusatzqualifikation haben, ob der Dienst flexibel auf veränderte Bedarfe reagieren kann und ob eine verlässliche Kommunikation mit dem Gesamtteam gewährleistet ist. Ein Pflegedienst, der nicht mit dem SAPV-Team spricht, ist weniger wertvoll als einer, der regelmäßig Informationen austauscht.

Praktische Vorbereitung: Wohnung, Hilfsmittel und Notfallplan

Hinter jeder organisatorischen Aufgabe in der Palliativpflege steht eine emotionale Realität. Wenn Sie das Pflegebett bestellen, das Badezimmer umbauen oder die Notfallkontakte aufschreiben, dann tun Sie das, weil Sie jemanden lieben. Diese Arbeit verdient Anerkennung, auch wenn sie sich manchmal wie eine bürokratische Last anfühlt. Beginnen Sie mit den Räumlichkeiten. Das Schlaf- und Pflegezimmer sollte gut erreichbar sein, ausreichend Platz für ein Pflegebett mit Höhenverstellung bieten und so gestaltet sein, dass vertraute Gegenstände, Fotos und persönliche Erinnerungsstücke ihren Platz haben. Licht, Raumtemperatur und Geräuschpegel sind keine Kleinigkeiten, sie sind Ausdruck von Würde.

Die Pflegekasse übernimmt unter bestimmten Voraussetzungen Zuschüsse für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen nach § 40 SGB XI. Dazu gehören Haltegriffe, Türverbreiterungen, Rampen und Badezimmeranpassungen. Die Höhe dieser Zuschüsse kann sich ändern, lassen Sie sich deshalb von Ihrem Pflegestützpunkt oder direkt von der Pflegekasse beraten, was in Ihrer Situation möglich ist. Hilfsmittel wie Pflegebett, Rollstuhl, Wechseldruckmatratze zur Dekubitusprophylaxe und Inkontinenzversorgung werden vom Hausarzt verordnet und von der Krankenkasse genehmigt. Das Sanitätshaus Ihres Vertrauens kann bei der Auswahl beraten.

Wenn der erkrankte Mensch die Sprache verliert, ist Kommunikation noch lange nicht unmöglich. Einfache Bildkarten oder Ja-Nein-Signale können im Alltag viel bewirken. Technische Hilfsmittel wie Sprachausgabegeräte oder Eye-Tracking-Systeme ermöglichen Menschen mit ALS oder anderen neurologischen Erkrankungen, bis zuletzt selbstbestimmt zu kommunizieren. Ergotherapeuten und das Palliativteam können Sie dabei beraten, welche Lösung für Ihre Situation geeignet ist.

Notfallplan und Medikamentenmanagement

Ein strukturierter Notfallplan ist eines der wichtigsten Dokumente, die Sie vorbereiten können. Er enthält eine vollständige Kontaktliste mit SAPV-Team, Hausarzt, Pflegedienst, Apotheke und Hospizdienst, den Aufbewahrungsort von Patientenverfügung und DNACPR-Verfügung sowie klare Handlungsanweisungen für häufige Krisensituationen wie starke Schmerzen, Atemnot oder Bewusstlosigkeit. Der Plan sollte für alle Pflegepersonen sichtbar und zugänglich sein, zum Beispiel an der Kühlschranktür oder am Pflegebett.

Eine besonders wichtige Frage ist: Wann rufen Sie den Notruf 112, und wann bewusst nicht? Wenn eine DNACPR-Verfügung vorliegt und der Patient keine Reanimation wünscht, sollte der Rettungsdienst diese Verfügung sofort sehen können. Klären Sie das im Voraus mit dem SAPV-Team und dem Hausarzt. Notfallmedikamente, die zuhause bereitgehalten werden, zum Beispiel gegen akute Atemnot oder Schmerzen, sollten sicher aufbewahrt und nur von geschulten Personen angewendet werden. Der Pflegedienst oder das SAPV-Team schult Sie darin.

Wenn der erkrankte Mensch kaum noch isst oder trinkt, ist das für Angehörige oft eine der emotional schwersten Situationen. Das natürliche Nachlassen von Hunger und Durst am Lebensende ist ein normaler physiologischer Prozess, kein Zeichen von Vernachlässigung. Künstliche Ernährung verlängert in dieser Phase in der Regel nicht das Leben, kann aber das Wohlbefinden beeinträchtigen. Mundpflege hingegen, also das regelmäßige Befeuchten der Lippen und der Mundschleimhaut, ist eine wichtige Wohlbefindenspflege, die Sie selbst übernehmen können. Sprechen Sie mit dem Palliativteam offen über diese Fragen, es gibt keine falschen Gefühle dabei.

Rechtliche und finanzielle Absicherung rechtzeitig regeln

Diese Themen fühlen sich schwer zugänglich an, weil sie uns zwingen, über Situationen nachzudenken, die wir lieber verdrängen würden. Aber je früher Sie diese Dinge regeln, desto mehr Energie haben Sie später für das, was wirklich zählt: die Zeit mit Ihrem Angehörigen. Drei Dokumente sind unverzichtbar. Die Patientenverfügung legt fest, welche medizinischen Maßnahmen gewünscht oder abgelehnt werden, wenn keine eigene Äußerung mehr möglich ist. Sie ist nach § 1827 BGB rechtlich bindend, wenn sie schriftlich, unterschrieben und konkret formuliert ist. Vorlagen bietet das Bundesministerium der Justiz kostenlos an.

Die Vorsorgevollmacht bestimmt, wer im Fall der Entscheidungsunfähigkeit rechtlich handeln darf, zum Beispiel gegenüber Ärzten, Behörden oder Banken. Ohne eine solche Vollmacht müssen Angehörige eine gesetzliche Betreuung beim Gericht beantragen, was Zeit kostet und belastend ist. Die Vollmacht sollte beim Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer registriert werden, damit sie im Notfall schnell gefunden wird. Die DNACPR-Verfügung schließlich regelt, dass im Notfall keine Reanimation eingeleitet wird. Sie wird vom Arzt ausgestellt und muss für den Rettungsdienst sichtbar aufbewahrt werden.

Advance Care Planning geht über diese Einzeldokumente hinaus. Es ist ein Prozess strukturierter Gespräche, der sicherstellt, dass alle Beteiligten wirklich wissen, was der erkrankte Mensch sich wünscht, nicht nur auf dem Papier, sondern in der gelebten Versorgung. Regionale ACP-Beratungsangebote und spezialisierte Gesprächsbegleiter können dabei helfen, diese Gespräche zu führen, auch wenn sie sich schwer anfühlen.

Finanzielle Leistungen und Absicherung

Die Pflegekasse leistet je nach Pflegegrad Pflegegeld, Sachleistungen oder eine Kombination aus beidem. Die genauen Beträge werden regelmäßig angepasst, lassen Sie sich deshalb aktuell beraten. Zusätzlich gibt es den Entlastungsbetrag nach § 45a SGB XI, der für anerkannte Entlastungsangebote genutzt werden kann, zum Beispiel für Betreuungsdienste oder Alltagsunterstützung. Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege ermöglichen Ihnen als pflegende Angehörige, sich zu erholen, ohne die Versorgung Ihres Angehörigen zu gefährden. Auch hier gilt: Beträge und Bedingungen können sich ändern, eine Beratung beim Pflegestützpunkt oder direkt bei der Pflegekasse ist sinnvoll.

Wenn Sie als Angehöriger die Pflege übernehmen und dafür Ihre Arbeitszeit reduzieren oder ganz aufgeben, hat das langfristige Folgen für Ihre finanzielle Sicherheit. Die Pflegekasse zahlt unter bestimmten Voraussetzungen Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige. Das Pflegezeitgesetz ermöglicht eine kurzfristige Freistellung vom Beruf, das Familienpflegezeitgesetz eine längerfristige Teilzeitregelung. Informieren Sie sich frühzeitig über diese Möglichkeiten, am besten über einen Pflegestützpunkt oder eine Beratungsstelle der Wohlfahrtsverbände wie Caritas oder Diakonie.

Unmittelbar nach dem Tod Ihres Angehörigen gibt es einige Dinge zu erledigen, auch wenn Sie sich in einem Schockzustand befinden. Der Arzt muss den Tod feststellen und einen Totenschein ausstellen. Danach muss der Tod beim Standesamt gemeldet werden. Krankenkasse, Rentenversicherung und weitere Institutionen müssen informiert werden. Wenn Sie sich um den Nachlass kümmern müssen, ist das Nachlassgericht Ihre erste Anlaufstelle. Bitten Sie Menschen aus Ihrem Umfeld, Ihnen bei diesen Aufgaben zu helfen. Sie müssen das nicht allein tun.

Emotionale Belastung und Selbstfürsorge für pflegende Angehörige

Was Sie gerade leisten, ist außerordentlich. Und es kostet Sie mehr, als die meisten Menschen von außen sehen können. Forschung zeigt konsistent, dass pflegende Angehörige ein deutlich erhöhtes Risiko für Burnout, Depression und körperliche Erkrankungen tragen. Sie werden in der Palliativmedizin manchmal als „zweite Patienten“ bezeichnet, weil ihre eigene Gesundheit durch die Pflegesituation ernsthaft gefährdet ist. Das ist kein Vorwurf, es ist eine Tatsache, die ernst genommen werden muss, von Ihnen selbst, von Ihrem Umfeld und vom Versorgungssystem.

Typische Belastungen in der Palliativphase sind antizipatorische Trauer, also das Trauern, bevor der Tod eingetreten ist, chronische Erschöpfung durch Schlafentzug, Schuldgefühle und soziale Isolation. Antizipatorische Trauer unterscheidet sich von der Trauer nach dem Tod: Sie ist oft weniger sichtbar, wird von der Umgebung weniger verstanden und lässt sich schwerer benennen. Aber sie ist genauso real und genauso berechtigt. Sie müssen diese Trauer nicht verstecken.

Warnsignale für einen Caregiver Burnout sind chronische Erschöpfung, die durch Schlaf nicht besser wird, anhaltende emotionale Taubheit oder Reizbarkeit, Rückzug aus sozialen Kontakten und das Gefühl, selbst keine Luft mehr zu bekommen. Wenn Sie merken, dass Sie diese Signale bei sich wahrnehmen, ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen, dass Sie Unterstützung brauchen. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt, wenden Sie sich an eine psychologische Beratungsstelle oder rufen Sie die Telefonseelsorge an. Sie sind nicht allein.

Entlastung, Rituale und Trauerbegleitung

Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege sind dafür da, Ihnen Auszeiten zu ermöglichen. Viele Angehörige zögern, diese Angebote zu nutzen, weil sie sich schuldig fühlen. Aber: Wer sich nicht erholt, kann nicht gut pflegen. Eine Auszeit ist kein Versagen, sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Sie diese Aufgabe über einen längeren Zeitraum tragen können. Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige, lokale Hospizdienste und Online-Communities bieten zusätzliche Unterstützung und das Gefühl, mit dem eigenen Erleben nicht allein zu sein.

Die Dignity Therapy nach Harvey Chochinov ist ein psychologischer Ansatz, der sterbenden Menschen hilft, ihre Lebensgeschichte zu erzählen und Botschaften zu hinterlassen, die für die Familie bleiben. Dieser Prozess ist nicht nur für den Sterbenden wertvoll, er gibt auch Angehörigen etwas, das bleibt. Gemeinsame Erinnerungen teilen, Lieblingsmusik hören, Briefe schreiben, Fotos ansehen, das sind keine sentimentalen Gesten, es sind aktive Formen der Verbundenheit, die dem Abschied Würde geben.

Und nach dem Tod? Viele Hospizdienste begleiten Angehörige auch über das Versterben hinaus. Trauergruppen, spezialisierte Trauerbegleitung und psychologische Unterstützung in der Trauerphase sind Angebote, die Sie kennen sollten, auch wenn Sie sie im Moment vielleicht noch nicht brauchen. Trauer braucht Zeit und Raum. Und manchmal braucht sie auch professionelle Begleitung.

Den letzten Lebensabschnitt würdevoll begleiten

Die letzten Wochen, Tage und Stunden eines Menschen zu begleiten, ist eine der intensivsten Erfahrungen, die das Leben bereithält. Wenn Sie wissen, was körperlich passiert, können Sie diese Zeit mit weniger Angst und mehr Präsenz erleben. In den letzten Wochen nehmen Schwäche und Schlafbedarf zu, der Appetit lässt nach, die Haut verändert sich. In den letzten Tagen und Stunden verändert sich die Atmung, die Extremitäten werden kühler, das Bewusstsein trübt sich ein. Diese Zeichen sind Teil eines natürlichen Prozesses. Sie bedeuten nicht, dass Sie etwas falsch gemacht haben.

Kommunikation ist möglich, auch wenn Sprache nicht mehr geht. Einfache, ruhige Sätze, das Halten der Hand, vertraute Stimmen, Lieblingsmusik. Das Gehör gilt als einer der letzten aktiven Sinne, der bis zum Ende erhalten bleibt. Was Sie sagen, kann gehört werden, auch wenn keine Antwort mehr kommt. Sprechen Sie ruhig, sagen Sie, was Sie sagen möchten. Erlaubnis geben ist erlaubt: „Du darfst loslassen“ ist keine Aufgabe, es ist ein Geschenk.

Kinder und Jugendliche sollten nicht ausgeschlossen werden. Kinder spüren, was passiert, und Ausgrenzung schützt sie nicht, sie verunsichert sie. Altersgerechte, ehrliche Erklärungen helfen Kindern, das Geschehen einzuordnen und sich nicht allein zu fühlen. Kinderhospizdienste bieten spezialisierte Unterstützung für Familien mit Kindern und Jugendlichen. Wenn Sie unsicher sind, wie Sie das Gespräch führen sollen, holen Sie sich Hilfe dabei.

Die letzten Stunden und die Zeit danach

Terminale Unruhe, also eine ausgeprägte Unruhe und Verwirrtheit in den letzten Stunden, kann für Angehörige sehr belastend sein. Sie hat meist körperliche Ursachen und kann medikamentös behandelt werden. Rufen Sie in diesem Fall das SAPV-Team oder den Hausarzt. Palliative Sedierung, also eine medikamentöse Dämpfung des Bewusstseins bei unerträglichem Leiden, ist ein ethisch gut begründetes Instrument der Palliativmedizin, das in enger Absprache mit dem Palliativteam eingesetzt wird.

Wenn Sie nicht ständig anwesend sein können, ist das kein Versagen. Organisieren Sie Schichten im Familienkreis, bitten Sie Freunde oder Hospizdienste um Unterstützung. Manche Menschen sterben in einem Moment, in dem die Angehörigen kurz den Raum verlassen haben. Das ist keine Botschaft, es ist ein Zufall. Machen Sie sich keine Vorwürfe.

Unmittelbar nach dem Tod müssen Sie nicht sofort handeln. Nehmen Sie sich Zeit. Sitzen Sie beim Verstorbenen, wenn Sie möchten. Dann veranlassen Sie die Todesfeststellung durch den Arzt. Informieren Sie das SAPV-Team und den Pflegedienst. Kontaktieren Sie einen Bestatter, wenn Sie bereit sind. Und suchen Sie sich Unterstützung, bei Freunden, beim Hospizdienst, bei der Seelsorge. Die Trauerbegleitung beginnt jetzt, und sie ist genauso wichtig wie alles, was davor kam.